Heute ist Vorlesungsbeginn. Tausende von Studenten strömen wieder in die Hörsäle. Ich – nicht.
Zwar bin ich noch eingeschrieben für dieses, mein viertes, Semester, aber eigentlich bin ich Studienabbrecherin. Habe schon im letzten Semester einiges schleifen lassen und mich von vielen Klausuren wieder abgemeldet. Warum? Weil ich tief in mir drin keine Studentin bin – weil ich nie eine war.
Es ist ja nicht so, als würde mich das Studium und die Biologie im Allgemeinen nicht interessieren. Sonst hätte ich mich vor anderthalb Jahren kaum dazu entschlossen. Aber Wissen kann man auch auf anderen Wegen erlangen als anderthalb Stunden in einer Vorlesung zu sitzen und sich zu fragen, was man dort eigentlich tut. Genauso wenig ist es so, als würde ich nicht gerne in die Uni gehen. Aber irgendwann merkt man, dass man es nur noch wegen seiner Kommilitonen, seines HiWi-Jobs und höchstens zwei Vorlesungen in der Woche macht. Dass einem die Praxis um Welten lieber ist als die Theorie. Und dann läuft eindeutig etwas falsch.
Was habe ich von einem Leben, das kein Leben ist, sondern nur aus Vorlesungen, Klausuren, Praktika, Kolloquien, Protokollen, Übungen und Klausuren besteht? Ein Unileben, in dem man nur daran, wie voll die S-Bahn ist, merkt, ob Vorlesungszeit ist oder nicht, weil man ohnehin nahezu jeden Tag dort sein muss? In dem man selbst während Essen und Duschen von einem schlechten Gewissen geplagt wird, weil man nicht für die in vier Wochen anstehende Klausur lernt? Vor meinem Entschluss, aufhören zu wollen, waren meine letzten freien Tage ohne schlechts Gewissen Ostern des vergangenen Jahres – wann die nächsten gekommen wären, steht in den Sternen.
Es gibt Menschen, die das alles aushalten. Die doppelt so lange zur Uni unterwegs sind wie ich. Die zeitfressende Hobbies haben und sich nebenher auch noch ehrenamtlich engagieren. Die in jeder Vorlesung in der ersten Reihe sitzen. Die inhaltliche Fehler in Lehrbüchern finden. Die Fragen beantworten, bevor sie gestellt wurden. Die mit den Professoren darüber diskutieren, wie die Vorlesung noch besser werden kann. Die regelmäßig die besten Noten des Semesters schreiben, ohne groß gelernt zu haben. Ich gehöre nicht dazu.
Ich habe Hobbies, bei denen ich mich entspannen will und keine Sekunde an die Uni denken. Ich verkrümel mich lieber nach hinten und habe meine Ruhe. Ich finde nur sprachliche Fehler. Ich habe noch nicht mal angefangen, über die Frage nachzudenken. Ich nehme die Dinge hin, wie sie sind. Und ich bin froh über jede Klausur, die einfach nur bestanden ist.
Ob ich es bereuen werde? Sicher. Sobald ich einen Job gefunden habe, im Laboralltag angekommen bin, mich jeden Morgen aus dem Bett quäle und nur eine begrenzte Zahl an Urlaubstagen zur Verfügung habe. Aber genauso würde ich es bereuen, weiterzumachen und nicht den Mut gehabt zu haben, einen Schlussstrich gezogen zu haben. Wer weiß schon, was das Leben sonst noch für einen bereit hält.
Eigentlich wollte ich nach dem Abi ohnehin nie studieren, weil ich damals schon wusste, dass das nichts für mich ist. Dafür habe ich es erstaunlich lange ausgehalten. Irgendwann werde ich mich fragen, warum ich nicht von Anfang an darauf verzichtet habe. Warum ich es unbedingt probieren wollte. Warum ich nicht auf mein Inneres gehört habe und sofort wusste, was das Richtige für mich ist. Als Antwort werde ich es mit einem Zitat aus einem Comic eines deutschen Cartoonisten halten:
“… Sie werden feststellen, dass es die Freundschaften und die Erfahrungen sind, die Sie auf der langen Suche gesammelt haben.”